Die neun Botschaften Wilder Mütter

 

Urmutter von Dolni Vestonice

Gott MUTTER von Dolni Vestonice, Tschechien, Foto: Franz Armbruster

1. Wilde Mütter wissen, dass die romantisierte Liebesheirat im Zuge von Hormonausschüttungen keine stabile Grundlage ist, um die nächste Generation der außergewöhnlich lang fürsorgebedürftigen Art Mensch gut zu versorgen und sie durchschauen, dass das politisch-theologische System der Heiligen Hochzeit nur dazu dient die ursprüngliche freie Sexualität der Frauen, die sogenannte female choice zu begrenzen, um es Vätern überhaupt erst möglich zu machen, ihren eigenen Nachwuchs zu erkennen.

2. Wilde Mütter sind keine domestizierten Hausfrauen, die ihren Männern und ihren Kindern und sicherlich auch nicht Gott dem HERRN dienen. Wilde Mütter wissen, dass die Art Mensch kollektiv abhängig ist Bauchgeborene zu sein, und so wissen die Wilden Mütter, dass sie der Nabel der Welt sind.

3. Wilde Mütter sind eng angebunden an die Natur und erkennen in der Natur die Weisheit, dass diese ihnen das Geheimnis des Lebens, die Seins-Macht anvertraut hat, die Fähigkeit, weibliches und männliches Leben in Geborgenheit zu gebären und zu nähren.

 4. Wilde Mütter durchblicken die völlig unzeitgemäße Hirtenideologie der monotheistischen Männer-an-die-Habens-Macht-Theologien, die sie, die Mütter, zu Dienst-Mägden und leeren, zu füllenden Gefäßen degradiert hat.

5. Wilde Mütter durchschauen auch die zwangsläufige Kollabierungs-Mathematik einer Exponentialkurve ständigen ökonomischen Wachstums innerhalb eines geschlossenen Ressourcensystems, denn die Anfänge der Mathematik entstanden aus ihrem Erfahrungsbereich und Dreieck, Viereck, Kreis und Kugel, aber auch Zahlen und Kalender ergeben eine Mathematik, die gepaart ist mit Weisheit, die immer zu einer Ökonomie der Kreisläufe führt.

6. Wilde Mütter kennen die stabile Familienbindung der matrilinearen Abstammung, die eine gute Basis für die nächste Generation bildet in einem verlässlichen Kollektiv ohne Zerreißproben in Ruhe heranzuwachsen.

7. Wilde Mütter wissen, dass die Haltung der Ökologie die einzige Basis ist, die ein weiteres Überleben der Art Mensch auf der Erde ermöglichen wird, denn die Ökologie ist an der Weisheit der Natur orientiert, sie versucht sie nicht technologisch zu beherrschen, sondern von ihr zu lernen und in Einklang mit ihr zu wirtschaften.

8. Wilde Mütter durchschauen die Gehirnwäsche einer patriarchal-ideologischen Geschichtsschreibung, die ihnen jegliche Bedeutung in der Vergangenheit abspricht und alles männlich okkupiert hat, was ganz offensichtlich ursprünglich mütterlich war, angefangen von der Religion bis zum Familienmodell.

9. Wilde Mütter wissen, dass sie alles können, was Männer auch können, dass sie aber zusätzlich auch gebären können und sie wissen daher sehr genau, dass sie nicht still, leise, passiv und bescheiden sein müssen, denn das widerspricht ihrer eigentlichen Natur, das aktive Zentrum menschlichen Lebens zu sein.

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Biologie statt Biologismus

Vulva-Ritzzeichnungen bei Les Eyzies-de-Tayac, Frankreich

Vulva-Ritzzeichnungen bei Les Eyzies-de-Tayac, Dordogne, Frankreich, Foto: Franz Armbruster Museum Les Eyzies-de-Tayac

Die Biologie ist die Lehre von der Natur. Verwechselt wird Biologie oft mit Biologismus. Antje Schrupp hat sich mit dem Unterschied auseinandergesetzt. In ihrem Blog schreibt sie dazu:

„Schon lange habe ich vor, einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus zu schreiben. Mir fällt nämlich auf, dass der Vorwurf des „Biologismus“ heute immer öfter auch gegen Frauen und ihre Ideen eingesetzt wird, was wiederum dazu führt, dass das Reden über Biologie, über Körperlichkeit und damit über die Grenzen, die unserem souveränen Weltgestalten möglicherweise gesetzt sind, tabuisiert wird. Eigentlich handelt es sich dabei ja um eine traditionelle Kritik von Frauen an der Idee, ihre weibliche Biologie oder „Natur“ würde sie auf bestimmte Rollen oder Verhaltensweisen festnageln. Der „Biologismus“ hatte sich im 19. Jahrhundert ausgebreitet, weil die Männer in einer gewissen Erklärungsnot waren: Sie hatten (mit der Französischen Revolution) die Idee in die Welt gesetzt, dass alle Menschen gleich seien, aber für Frauen sollte das nicht gelten: Frauen hatten kein Wahlrecht, durften nicht auf Universitäten und so weiter. Von Anfang an haben Frauenrechtlerinnen auf diese Inkonsequenz hingewiesen. Und weil es keine logische oder auch nur plausible Begründung gab, behaupteten maßgebliche Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft und der Aufklärung kurzerhand, Frauen seien von ihrer „Natur“ her eben für solche Dinge nicht geeignet. Das löste im Lauf des Jahrhunderts einen Riesenberg an Forschungen aus, die auch in der Tat ganz überwiegend zu dem Ergebnis kamen, dass Frauen nicht etwa aufgrund von bestimmten, von Männern getroffenen politischen Entscheidungen nicht wählen, nicht öffentlich auftreten, bestimmte Jobs nicht bekommen und so weiter konnten, sondern aufgrund der wissenschaftlichen Tatsache, dass ihre „Biologie“ das eben nun mal nicht zulasse“. (http://antjeschrupp.com
/2011/01/06/biologie-und-biologismus/)

Der Vorbehalt gerade auch von Feministinnen gegenüber der Biologie, liegt also nicht in der Biologie selbst begründet, sondern in einer patriarchalen Ideologisierung der Biologie, dem Missbrauch der Biologie, um patriarchale Herrschaftsverhältnisse zu implementieren und zu zementieren.

Das Ideal der französischen Revolution: „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“, bleibt innerhalb der patriarchalen Doktrin. Es richtet sich nur an Männer. Der Feminismus wendet sich gegen den Ausschluss der Frauen von diesem Gleichheitsideal. Gleichzeitig ist dieses Gleichheitsideal aber auch die Falle des Feminismus, denn er erkennt nicht, dass das Gleichheitsideal den Mann als Vorbild und Maßstab hat, was für das Überleben der Menschenart und das Leben insgesamt fatal ist. Die Biologie hingegen setzt nicht auf Gleichheit, sondern auf Diversität, Integration und Kooperation, um Leben bestmöglich und vor allem auch langfristig abzusichern.

Die biologische Realität:
Aus der Biologie wissen wir heute, dass menschliches Leben zu Beginn immer weiblich angelegt ist und, dass eine männliche Differenzierung erst zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet. Wir wissen heute auch, dass der Samen des Mannes kein Samen ist, sondern Pollen. Wir wissen heute auch, dass die Spermien nicht etwa aktiv schwimmen, sondern dass sie vom Gebärmutterschleim transportiert werden, d.h. also, dass der aktive Part nicht beim Mann liegt sondern, wenn schon, bei der Frau. Wir wissen auch, dass es eine Lüge ist, dass zu Beginn der Befruchtung unter den Spermien ein Konkurrenzkampf stattfindet und das stärkste Spermium den Konkurrenzkampf gewinnt. Die Theorie des Konkurrenzkampfs zwischen den Spermien gehört zur Kriegsideologie des Patriarchats, denn tatsächlich handelt es sich bei der Befruchtung um den Vorgang der Kooperation, denn nur in der Kooperation zwischen Gebärmutterschleim und der gegenseitigen Hilfe der Spermien untereinander kann eine Befruchtung stattfinden. Wir wissen heute auch einiges über die Mitochondrien. Mitochondrien sind Zellorganellen mit eigener Erbsubstanz. Sie sind die Energiekraftwerke der Zellen! Mitochondrien werden über das Plasma der Eizelle – nur von der Mutter vererbt, d.h. die Energiekraftwerke der Zellen, wo das ATP (Adenosintriphosphat), sozusagen das Benzin der Stoffwechselvorgänge herkommt, diese Energiekraftwerke werden nur matrilinear vererbt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine weitere Beobachtung der WissenschaftlerInnen. Man weiß heute, dass durch das Spermium einige männliche Mitochondrien in das Plasma der befruchteten Eizelle (Zygote) importiert werden. Diese männlichen Mitochondrien werden jedoch, wie es aussieht, recht schnell eliminiert, denn sie gelten als potentiell gefährlicher Zellmüll.

Die Natur schreibt also sehr deutlich ein anderes Skript als uns patriarchale Männer die letzten zweitausend Jahre weis machen wollten. Tatsächlich offenbaren diese mit ihren Behauptungen wider die Natur, dass sie jede Weisheit verloren haben. Kein Wunder! Verweigert doch der patriarchale Mann vom Baum der Weisheit zu essen, jenem Weisheitsbaum, der von paradiesischen Zuständen auf Erden berichtet, als die Männer sich noch innerhalb der Natürlichen Integrativen Ordnung der Mütter bewegten.

Diese Ordnung macht ganz klar, dass die Natur zur menschlichen Arterhaltung den Weg der Kooperation zwischen Männlich und Weiblich gewählt hat, dass diese Kooperation aber innerhalb der Natürlichen Ordnung der Mutter erfolgt, also einer mütterlichen Integration bedarf.

Einer Gleichordnung zwischen Vater und Mutter, wie sie auch der Gender-Feminismus vertritt, misst sie hingegen keine Bedeutung bei, da sie schon aus Gründen der genetischen Diversität keine monogame Paarbeziehung sondern eine wechselnde Sexualität von Frauen vorzieht und dem Vater deshalb auch kein natürlich
sichtbares Kriterium zur sicheren Bestimmung von Vaterschaft gegeben hat. Wer trotzdem auf einer biologisch nicht verankerten „Gleichordnung“ beharrt, befindet sich in einem typisch patriarchalen Denkansatz, nämlich dem, dass die Natur etwas nicht optimiert hat, und der Mensch der Natur künstlich nachhelfen muss. Da wir in unserem ganzen Denken tief patriarchalisch konditioniert sind, fällt das den Meisten, auch den meisten Frauen, nicht einmal auf.

Text aus: Armbruster, Kirsten: Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur – Weckruf für Zukunft, 2014, S. 46-49

Die Natürliche Integrative Ordnung der Mutter und die hierarchische Dualitätsideologie des Patriarchats

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Gott MUTTER von Laussel, Museum Bordeaux, Frankreich, Bild:  Wikimedia Commons, User: Thumbnail

Die Spaltung der Natürlichen Integrativen Ordnung der Mutter ist symptomatisch für das Patriarchat.

In der Natürlichen Ordnung der Mutter gibt es diese Spaltung nicht, denn Gott die MUTTER ist die Kosmische Mutter des Universums, in der Himmel und Erde zusammen gehören. (Armbruster, Kirsten, 2013: Gott die MUTTER, S. 23-45). Das Pendant zur Kosmischen Mutter des Universums ist die leibliche Mutter: die Menschenmutter, die Tiermutter, die sowohl das Männliche als auch das Weibliche, aber auch das Nicht-Heteronormative in ihrem Leib ausformt und über das Nabelblut nährt und gebärt.

Marduk, der Weltschöpfer und Heros der babylonischen Mythologie, der symptomatisch für den Muttermord steht, zerteilt den Leib der ermordeten Göttermutter Tiamat in zwei Hälften: aus der einen formt er den Himmel, aus der anderen die Erde. C.G. Jung hat den Muttermord als die weltschöpferische Befreiung des männlichen Logos bezeichnet.

Tatsächlich ist die Aufspaltung der Natürlichen Integrativen Ordnung der Mutter der Beginn der Dualitätsideologie und eines der Kernstücke des Patriarchats. Die Spaltungsideologie wird mit der hierarchischen Herrschaftsideologie verknüpft. Die Folge ist:

Wie Claudia von Werlhof richtig erkannt hat, geht es dem patriarchalen Dualitäts-Konstrukt nicht darum, partnerschaftlich die weibliche Schöpfung durch das Männliche zu ergänzen, was gerade viele Frauen zu glauben scheinen, sondern es geht darum diese zu zerstören und anschließend gänzlich zu ersetzen. Die im Patriarchat auftauchende Dualitätsideologie ist, dem hierarchischen Herrschaftsdenken folgend, nämlich mit einer Bewertung verbunden. Das Männliche ist dieser Dualitätsideologie zur Folge nämlich plötzlich aktiv und das Weibliche passiv. Einer der ersten, der Aktivität mit Männlich und Passivität mit Weiblich assoziierte, war Aristoteles (384 bis 233 v.u.Z.). Carolyn Merchant beschreibt die dualistisch-hierarchische Theorie von Aristoteles:

„Aristoteles biologische Theorie erblickt in der Frau einen unvollständigen verstümmelten Mann, da die Kälte des weiblichen Körpers das Menstruationsblut daran hindert, sich zum Samen zu vervollkommnen. Bei der Erzeugung von Nachwuchs steuert die Frau die Materie oder das passive Prinzip bei. Dies ist der Stoff, auf den das aktive männliche Prinzip – der Samen – bei der Erzeugung des Embryos einwirkt. Der Mann ist die eigentliche Ursache des Nachwuchses … Kraft und Bewegung werden allein vom Samen beigesteuert …. Sowohl die bewirkende als auch die formale Ursache werden aus dem männlichen Prinzip abgeleitet und sind die aktive Ursache für den Nachwuchs“. (Merchant, Carolyn, 1980, S. 28).

Wie wir später noch deutlicher sehen werden, handelt es sich bei Aristoteles dualistisch-hierarchischer Theorie nicht um eine biologische, also eine aus der Naturbeobachtung herausgewonnene Theorie, sondern um eine biologistische, bei der die Biologie nur vorgeschoben wird, um eine, das Weibliche abwertende, patriarchale Ideologie gesellschaftlich internalisieren zu können.

Die hierarchische Dualitätsideologie ist die Basis für Misogynie-Theorien, Theorien, die ganz offen einem Frauenhass entsprungen sind und deren Vertreter bis heute hochgeschätzt werden. Zu ihnen zählen Johann Gottfried Herder, Jean-Jacques Rousseau, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche.

Text zusammengestellt aus. Armbruster, Kirsten, Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur, 2014, S. 37-40

Ein Plädoyer für die Natur

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Foto: Franz Armbruster, Muxia, Galicien, Muschelweg

Viele Menschen spüren heute, dass das patriarchal-weltschöpferische Logos-Experiment gescheitert ist, denn die Früchte dieser mütterbefreiten Herren sind verheerend für die Ganze Welt: Die Erde ist ein blutgetränktes Schlachtfeld geworden und das Schlachten der verschiedenen patriarchalen Spaltungsideologien nimmt kein Ende. Tatsächlich ist es höchste Zeit deren Wahnideologien, die die ganze Welt beherrschen wollen, in Frage zu stellen. Widerstand beginnt mit Fragen und so wollen wir anfangen Fragen zu stellen, Fragen folgender Art:

13 Fragen des Widerstands

1. Ist es im Sinne der Natur, dass weitgehend frauenbefreite und völlig kinderbefreite Männerräume, wie wir sie in den Machtzentren der Wirtschaft, der Theologie, der Politik und des Militärs finden, unser Leben beherrschen?

2. Ist es im Sinne der Natur, dass wir unser Leben rasend in einem Hamsterrad verbringen?

3. Ist es im Sinne der Natur, dass wir Fürsorgearbeit nicht als Arbeit honorieren und diejenigen, die diese lebensnotwendige Arbeit leisten von der ökonomischen Existenzsicherung durch unsere, von lebensisolierten Männerräumen definierte Erwerbsarbeit ausgrenzen, bzw. in unnatürliche, von Kindermitnahme abgetrennte Arbeitsformen hineinzwingen?

4. Ist es im Sinne der Natur, dass wir uns von einem patriarchatskonformen Feminismus, der nicht verstanden hat, dass die Kernfrage des Patriarchats die Mütterfrage ist, in ein nicht funktionierendes lebensfeindliches Vätersystem hineinzwingen lassen, weil der Grad an Emanzipation in dieser Denkweise der Grad der Patriarchatsanpassung ist?

5. Ist es im Sinne der Natur, dass wir schnellstmöglich unsere Ursprungs-Nabelblutsfamilien verlassen, um als Single oder gleich- bzw. heterosexuell orientierte Paarwesen vereinzelt/verzwei-felt unser Leben zu verbringen?

6. Ist es im Sinne der Natur, dass wir Familie nur als Paarungsfamilie von zwei Fremden und nicht mehr im Clankern konsanguinal, artgerecht ergänzt durch einen exogamen Clanbereich, zu dem auch fürsorgliche Väter gehören können, denken können?

7. Ist es im Sinne der Natur, dass wir die Betreuung unserer Töchter und Söhne und Enkel und Enkelinnen völlig fremden Institutionen überlassen, um sie einer maximalen Anpassung an ein Gesellschaftssystem auszuliefern, das schön längst seine Lebensunfähigkeit bewiesen hat?

8. Ist es im Sinne der Natur, dass wir uns Gott nur männlich oder transzendent außerhalb der Integrativen Ordnung der Mutter vorstellen?

9. Ist es im Sinne der Natur, dass wir den Tod tabuisieren und den Kreis des Lebens nicht mehr erkennen können?

10. Ist es im Sinne der Natur, dass wir die Erde als tote Materie betrachten, die wir nach Menschenbelieben ausbeuten können und sollten?

11. Ist es im Sinne der Natur, dass wir Lebensvielfalt zerstören, sei es durch Gift oder Ideologisierungen, die gleichermaßen zerstörerisch wirken?

12. Ist es im Sinne der Natur, dass wir Tiere qualvoll in Massen halten, um Maximalbedürfnisse an Fleischkonsum zu Minimalkosten zu befriedigen?

13. Ist es im Sinne der Natur, dass wir die Mütter-Großmütter-Ahninnenlinie aus dem gesellschaftlichen Bedeutungsbewusstsein verdrängt haben?

Natur ist etwas völlig anderes als uns das Patriarchat vorgaukeln will.

Natur ist Schönheit, Wildheit, Vielfalt, Weisheit, Zeit, Wandlung

Natur ist atemberaubend.

In den poetischen Worten von Starhawk finden wir Natur treffend beschrieben. Da heißt es:

Ich bin die Schönheit der grünen Erde
und die weiße Mondin unter den Sternen
und das Geheimnis der Wasser.
Ich rühre deine Seele an,
damit sie sich erhebe und zu mir komme.
Denn ich bin die Seele der Natur,
die dem Weltall das Leben schenkt.
Von Mir kommt alles her,
in Mich kehrt alles zurück.
(Starhawk,aus Noble, Vicki, 2006)

Aus dem Buch: Armbruster, Kirsten: Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur, 2014, S. 56-59

Matrifokalität heute

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Gott MUTTER von Willendorf, Österreich, Foto: Franz Armbruster

Was bedeutet ein Wiedererwachen des matrifokalen Bewusstseins heute in der Praxis?

Auch wenn wir unter patriarchalen Lebensbedingungen leben, so können wir doch versuchen einige matrifokale Grundsätze in unserem Leben zu verwirklichen und uns von patriarchalen Ideologien befreien.

Matrifokalität in der Praxis:
• Ein erster matrifokaler Lösungsansatz ist es, der fixen Idee des Märchenprinzen (oder der Märchenprinzessin), welche(r) die Große Liebe des Lebens sein soll, nicht hinterher zu jagen, da sie nicht mit der Realität übereinstimmt, sondern zu den patriarchalen Romantikkonditionierungen gehört. Sinnvoll ist es, Erotik und Sexualität, egal ob gleichgeschlechtlich oder heterogeschlechtlich, unbefrachtet von Existenzsorgen zu genießen und Freundschaften auf der Basis gemeinschaftlicher Interessen zu schließen.

Bei einem Kinderwunsch der Frauen gibt es entweder die Möglichkeit der anonymen Väter, das heißt, frau entschließt sich von vorneherein ein Kind ohne Bekanntwerden des leiblichen Vaters, möglichst einge-bettet in einen Clan zu versorgen. Als zweite Mög-lichkeit, bei dem Wunsch der Einbeziehung des Va-ters, empfiehlt es sich, den Verstand einzuschalten und den Schwerpunkt bei der Vatersuche nicht auf sexuelle Kurzanziehung zu legen, sondern auf Charakterstärke, Zuverlässigkeit, langfristiges Verantwortungsbewusstsein und Fürsorglichkeit: also Vätertauglichkeit. Besonders sinnvoll ist es, bei der Überprüfung der Vätertauglichkeit die Mutter des auszusuchenden Vaters anzuschauen, da Mütter na-turgemäß immer einen prägenden Einfluss auf ihre Söhne hatten

Für Männer, die einen Kinderwunsch hegen, empfiehlt es sich, nicht auf Alleinversorger zu setzen, sondern sich zusätzlich zu einer Berufsausbildung ein hohes Maß an Humankompetenz, Fürsorgebewusstsein, Naturbewusstsein, ökologischem Wissen und Haushaltswissen inclusive Putzkompetenz anzueignen, um vätertauglich zu sein. Vätertauglichkeit der Zukunft ist also nicht mehr länger mit Herrschaftsmacht korreliert, sondern mit Human- und Naturanbindungskompetenz.

• Sinnvoll ist es insgesamt, einen Kinderwunsch nicht von einem vorhandenen Vater und einer Paarung-familie abhängig zu machen, sondern auf einer Clannetzstruktur von Großmüttern, Tanten und Schwestern aufzubauen, die durch blutsverwandte und nicht blutsverwandte Männer und Frauen, und auch g-eignete fürsorgliche Väter, sowie öffentliche Betreuungsangebote ergänzt werden kann. Ein solches Clannetz gewährleistet die für die außergewöhnlich lange Fürsorge eines Menschen notwendige Stabilität. Frauen, die keinen der heute noch sehr rar gesäten vätertauglichen Partner gefunden haben, werden damit auch nicht mehr als „alleinerziehend“, im Sinne eines Mangels herabgesetzt, sondern erleben als matrifokal Erziehende eine deutliche gesellschaftli-che Aufwertung und Absicherung.

• Grundsätzlich ist gut abzuwägen, ob es angesichts der Überbevölkerung der Erde durch die Menschenart sinnvoll ist, selbst Mutter oder Vater zu werden, oder ob es nicht sinnvoll ist, sich bei der Fürsorgearbeit anderer zu beteiligen, sei es bei der Versorgung von Kindern, sei es bei der Versorgung von der alten Generation, oder sei es in anderen lebensnaturerhal-tenden Bereichen.

• Eine gute Berufsausbildung ist für Frauen überlebensnotwendig, gepaart mit ökonomischem, aber auch ökologisch-kritischem Verständnis, denn eine weitgehende ökonomische Autarkie von Frauen ist in matrifokalen Verhältnissen unerlässlich. Sinnvoll ist, eine monetäre Erwerbsarbeit mit Subsistenzwirtschaft zumindest auf Gartenebene zu ergänzen, wobei gerade auch eine gärtnerische Gemein-schaftsnutzung, wie es in der Transitiontownbewe-gung oder beim Guerillagärtnern praktiziert wird, sinnvoll sein kann.

• Für Matrifokalität ist es durchaus wichtig, die Einseitigkeit der wirtschaftlichen und politischen Führung durch geschlossene Männerräume durch das Anstreben von weiblichen Führungspositionen aufzureißen, nicht um dem patriarchalen System zu dienen, sondern um das patriarchale, kinderfreie System zu unterwandern und dort lebensfreundliche Impulse zu setzen. Anzustreben ist, dass durch eine kritische Masse an naturbewussten Menschen, die wirtschafts- und gesamtpolitischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt verändert werden.

In den theologischen Bereich sollte keinerlei matrifokale Energie mehr fließen. Zu erkennen gilt, dass sämtliche heutige Welttheologien, einschließlich Buddhismus und Hinduismus tief patriarchal-zerstörerisch wirken und auch eine unkritische Hinwendung zu Esoterik oder Neuheidentum keineswegs sinnvoll ist, da sich auch diese Strukturen überwiegend im patriarchal-kriegerischen Kontext bewegen. Sinnvoll ist es, der Natur mit Achtung und Respekt und mit einem Bewusstsein von Heiligkeit zu begegnen. Religion kann als Anbindung an die Natur verstanden werden, die man sich als mütterlich vorstellen kann, wobei Gott durchaus auch männlich gedacht werden kann, da der Mann ja Teil der Natur ist. Die bisher entwickelten männlichen Gottesbilder erweisen sich aber, wenn man verstanden hat, dass sie alle dem Herrschaftsstreben entsprungen sind, als ziemlich untauglich, so dass es Sinn macht, sie neu, innerhalb der Natürlichen Mütterlichen Ordnung integriert, zu denken.

• Bezüglich der Ernährung ist es sinnvoll, sie überwiegend vegetarisch oder vegan auszurichten, da dies nicht nur physiologisch natürlich ist, sondern aus heutigen dringend gebotenen Naturrestaurierungs-gründen dringend geboten ist. Bei einer Nahrungser-gänzung durch tierische Lebewesen, wie es durch die Jäger im Paläolithikum üblich war, ist auf einen sorg-samen und ehrfurchtsvollen dankbaren Umgang mit den Tieren zu achten. Die Massentierhaltung der heutigen Landwirtschaft ist als tierquälerisch absolut abzulehnen.

• Da viele Lebensräume von Tieren und Pflanzen durch den räuberischen Umgang der Menschenart heute vom Aussterben bedroht sind, ist es sinnvoll, sich politisch bei lebensbewussten Nichtregierungsorganisationen oder auch anderweitig politisch zu engagieren. Wichtig ist es aber auch sich mit Permakulturideen auseinanderzusetzen und den eigenen Garten, das eigene Dorf, die eigene Stadt in ein Biotop der biologischen Vielfalt umzuwandeln, in dem auch Nahrungspflanzen im Sinne der Subsistenzwirtschaft für den menschlichen Verzehr angebaut werden, aber vor allem darauf zu achten ist, dass eine Vielzahl von verschiedenen Lebensräumen geschaffen wird, um Rückzugs-, Aufzucht-, und Nahrungsangebote für an-dere Lebewesen zu schaffen. Ein Garten in unseren Breiten sollte ein Platz für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Ameisen, Schwebfliegen, Libellen, zahlreiche andere Insekten, Vögel, Kröten, Frösche, Ringelnattern, Eidechsen, Igel, Fledermäuse oder Blindschleichen sein, um nur einige Gartenbe-wohnerInnen zu nennen, während die Anzahl von Katzen und Hunden oder exotischen Tieren in Haus-halten wohl eher als gesättigt bezeichnet werden kann.

Das Schulsystem gehört aus matrifokaler Sicht stark hinterfragt, da viele der Lerninhalte patriarchale Prägung weitertragen. Die theologischen Angebote gehören aus dem Schulbereich völlig entfernt, der Geschichtsunterricht, der die matrifokale Geschichte außer Acht lässt und die patriarchale heroisiert, stark korrigiert, ebenso aber die Werteweitergabe durch philosophische, psychologische, literarische Texte patriarchal entrümpelt. Insgesamt ist der Leistungsdruck durch die Konkurrenzanheizung deutlich zurückzudrehen und stattdessen wesentlich mehr auf Kooperation zu setzen. Fürsorgearbeit und Na-turkunde müssen neue schulische Hauptfächer wer-den.

Fazit: Die patriarchale Zivilisation wird nicht überlebensfähig sein, aber die offensichtliche Krise des patriarchalen Systems eröffnet neue Denkräume. Das Denken und Leben in matrifokalen Lebenszusammenhängen ist hierbei ein vielversprechender Ansatz, da er in uraltem Wissen wurzelt und bewiesen hat, dass er über den größten Teil der Menschheitsgeschichte als artgerecht und andere Arten erhaltend, funktioniert hat.

Text aus: Armbruster. Kirsten, Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur – Weckruf für Zukunft, 2014, S. 62-67

Vorteile von Matrifokalität

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Gott MUTTER Figurinen mit vogelkopf und Nabel-vulva-Wiedergeburtssymbolik aus Moairet Hirmil, Syrien, 2000-1550 v.u.Z., Foto Franz Armbruster: Museum Louvre, Paris, Frankreich

 

Auch heute, in unserer komplizierten Welt, bietet Matrifokalität eine Reihe von Lebensvorteilen:

• Die Erziehungsarbeit ist auf viele verschiedene Menschen der Sippe verteilt, was Einseitigkeit und Überforderung vorbeugt und Vielseitigkeit fördert.

• Der Lebenskontext der neuen Generation ist wesentlich stabiler als die patriarchatsalternative Variante der Ehe, die auf einem leicht flüchtigen Liebesgefühl und der natürlich-kurzzeitigen sexuellen Anziehung zwischen Exogam-Fremden oder auf einer arrangierten patrilokalen Form beruht.

• Existentielle Trennungs-Traumen durch Scheidungen werden für die Kinder vermieden, und die sollten nicht unterschätzt werden, liegt doch in westlichen Kulturen die Scheidungsrate bei 40 % und wird nur unter restriktiv-theologischen Bedingungen und meistens damit verbundenen ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen von Müttern zumindest äußerlich sichtbar unterschritten.

• Der Schutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch von Frauen und Kindern durch die matrifokale Sippe ist wesentlich höher und dieser Schutz ist dringend nötig, denn selbst in Deutschland, das als zivilisiert gilt, sind die aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes bei den Tötungsdelikten alarmierend, denn demnach sind 49,2 Prozent aller getöteten Frauen Opfer ihres aktuellen oder ehemaligen Partners.

• Die ökonomische Absicherung der matrifokalen Familie hängt nicht an einem Einzelnen, sondern ist durch eine Verteilung auf mehrere Schultern, wesentlich breiter aufgestellt.

• Die Geburtenrate wird nicht mehr durch theologische Vermehrungsindoktrinationen fehlgeleitet, sondern obliegt dem Verantwortungsbereich der Frauen, die erfahrungsgemäß von patriarchalen Strukturen befreit, die Fortpflanzung den natürlichen Ressourcen anpassen, womit eines der dringendsten Probleme unserer exponentiellen Wachstumszwangsgesellschaft, der heute auch das Bevölkerungswachstum obliegt, gelöst werden könnte.

• Verantwortungsvolle Väter könnten problemlos in eine matrifokale Sippe integriert werden.

Aus dem Buch: Armbruster, Kirsten: Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur – Weckruf für Zukunft, 2014, S. 61-62

Matrifokalität – Mütter im Zentrum als artgerechte Urform menschlichen Zusammenlebens

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Matrilineare Ahninnenreihe: Foto Franz Armbruster

Matrifokalität bedeutet, dass die Mütter im Zentrum der Gemeinschaft stehen.

Auf der Basis von Matrifokalität konnte sich im Paläolithikum und im Neolithikum (Altsteinzeit und Jungsteinzeit) auch in Europa eine Zivilisation der Mütter entwickeln, die bis heute prägende Spuren hinterlassen hat. (Armbruster, Kirsten: Der Jacobsweg, 2013, S. 112-118).

Matrifokalität – die Mütter im Focus des Lebens
Das Fundament für die Entwicklung einer menschlichen Kultur war die Lebensbasis der Matrifokalität, d.h. die Mütter standen im Focus, im Zentrum der Gemeinschaft. Die mit Matrifokalität verbundene, enge, matrilineare Großmutter-Mutter-Tochter-Schwester-Ahninnenliniengemeinschaft, die ihre Verwandtschaft für alle leicht nachvollziehbar, konsanguinal und nabelabstammend definierte, war aus heutiger Sicht nicht nur die Grundlage, sondern die Voraussetzung für die Kulturentwicklung der Menschen überhaupt, denn Menschen zählen zu den besonders unreif und daher auch besonders fürsorgebedürftigen Spezies. Nur die enge, lebenslange Großmutter-Mutter-Tochter-Schwestergemeinschaft gewährleistete die optimalen, langfristig-stabilen Entwicklungsbedingungen für die nächste Generation. Das Frauenkollektiv der Sammlerinnen und im Neolithikum der Pflanzerinnen, das, wie wir heute wissen, 75 % der Nahrung herbeischaffte, sorgte hierbei für eine ökonomisch weitgehende weibliche Autarkie, ebenfalls ein wichtiges Stabilitätskriterium

Der Mann, der ja ebenfalls nabelabstammend-blutsverwandt in diese matrifokale Sippenstruktur hineingeboren wurde, war in die matrifokalen Lebensverhältnisse gut integriert: als Sohn und Bruder konsanguinal eng verwandt, als exogam-erotisch-sexueller Geliebter, als Jäger mit einem ökonomischen Gemeinschaftsbeitrag und, wie einige der paläolithischen Höhlenzeichnungen vermuten lassen, auch als Jagdschamane, wobei der Begriff Schamane sprachlich konnektiert ist mit der Scham, der Pudenda, der Vulva der Frau, was assoziiert, dass Schamanen innerhalb der Religion von Gott der MUTTER wirkten, in dem Bewusstsein von der Mutter geboren zu sein und von ihr, wie die Naturzyklen es nahe legen, auch wiedergeboren zu werden

Matrifokalität bewegt sich immer zwischen zwei lebensoptimierenden Polen. Erstens der selbstbestimmten, freien Sexualität der Frau, der sogenannten female choice (Bott, Gerhard; 2009; Uhlmann, Gabriele; 2011/2012), und zweitens, der für das Überleben der Art ebenso wichtigen, durch Chemotaxis gesteuerten Exogamie, die eine Sexualität innerhalb von konsanguinal Verwandten ausschließt. (Bott, Gerhard; 2009, S. 57-72).

Bei einer freien und wechselnden Sexualität der Frau spielt Vaterschaft keine Rolle, denn die Natur hat ja den Weg gewählt, dass Männer sich kaum sicher sein können der leibliche Vater zu sein, es sei denn, sie versuchen die freie Sexualität der Frauen zu beschneiden, wie es im Patriarchat durch politisch-theologische Keuschheitsindoktrinationen geschieht. Die freie female choice der Frau ist hingegen aus Sicht der Natur optimal, denn sie gewährleistet eine genetische Vielfalt bei gleichzeitiger, den natürlichen Lebensbedingungen angepasster Vermehrung, was zu einem Gleichgewicht zwischen Ernährungsmöglichkeit und Bevölkerungswachstum führt.

Heute hingegen stehen wir vor der Situation, dass, wie die neueste NASA-Studie von 2014 zeigt, das Ende der „menschlichen“ Zivilisation“ vorausgesagt wird. Einer der Hauptgründe für den prognostizierten Untergang dieser patriarchalen Zivilisation ist das aus dem natürlichen und ursprünglichen Verantwortungsbereich der Frauen annektierte Geburtsverhalten, das zu einem exponentiellen Bevölkerungswachstum geführt hat, das heute den natürlich vorhandenen Ressourcenvorrat der Erde sprengt. Dem liegt die Idee des Vaters als Hauptmaßstab für Männlichkeit zugrunde mit seinem Dogma „Seid fruchtbar und mehret euch“ als sichtbares Zeichen für männliche Potenz. Diese Idee vom potenzgesteuerten Vater, der sich im Zuge der Rinderdomestikation durch Hirtennomaden zunehmend sozial und theologisch zum Oberhaupt einer Paarungsfamilie aufgeschwungen hat, erweist sich heute in der Kombination mit einer ständigen Gier nach Akkumulation von Privateigentum als tödliche Bedrohung für den Lebensraum der Erde.

Das heute wieder freigelegte Wissen um Matrifokalität, und die damit verbundene natürliche und freie sexuelle female choice ermöglichen uns aber der patriarchalen Lebensweise etwas entgegenzusetzen, indem sowohl die Fruchtbarkeit als auch die ökonomische Unabhängigkeit wieder in den Verantwortungsbereich der Mütter gelegt werden und auch, indem eine Theologie, die der Frau die Göttlichkeit abspricht, vom Staat nicht länger protegiert wird: Denn das Patriarchat konnte nur in einer Kombination von Politik und Theologie mit struktureller Gewalt durchgesetzt werden.

Text aus: Armbruster, Kirsten: Matrifokalität – Mütter im Zentrum- Ein Plädoyer für die Natur, 2014, S. 7-10

Der Ursprung von Wallfahrten

Nourlangie AustralienFelszeichnung der wiedergebärenden Mutter in Australien, Nourlangie Rock, Kakadu, Darwin, Australien, 1000 n.u.Z., Foto: Franz Armbruster, Museo de la Evolucion Humana, Burgos Spanien

Text aus: Armbruster, Kirsten: Der Jacobsweg – Kriegspfad eines Maurentöters oder Muschelweg durch Mutterland – Die Wiederentdeckung der Wurzeln Europas – Teil 1, 2013,  S. 66-72

Den größten Zeitraum der Menschheitsgeschichte lebten Menschen als WildbeuterInnen, das heißt, sie zogen durch die Landschaft. Erst vor 11 000 Jahren wurden die ersten Menschen nach großen Klimaveränderungen, die sie zwangen ihre Wirtschaftsweise zu verändern, sesshaft. Hier wird der Beginn des Neolithikums, der Jungsteinzeit, angesetzt. In vielen Gegenden entwickelten sich die Sesshaftigkeit und die produzierende Lebensweise der Landwirtschaft aber erst viel später. Gerade das Gebiet des Camino Francés zwischen Baskenland und Galicien gehört zu den Gegenden in Europa, wo die Landwirtschaft erst sehr spät Fuß fasste. Das heißt, dass hier die Menschen besonders lang als WildbeuterInnen lebten und das alte Wissen des Paläolithikums, der Altsteinzeit noch lange bewahrten.

Im Gedächtnis der Menschheit sind die alten Wege des Paläolithikums eingegraben, aber gerade die westlichen, christianisierten Kulturen haben die Erinnerung an die uralten Landschaftswege verschüttet. Für die Aborigines in Australien ist das Landschaftswegewissen in ihren mit Musik und Tanz spirituell überlieferten Traumpfaden bis heute in der Erinnerung erhalten. Wie für viele andere, mit der Natur nach wie vor verbundenen Völker, ist für sie die Erde Heiliges Land. Dieses Wissen ist das Vermächtnis der Traumzeit. Anna Voigt und Nevill Drury schreiben darüber:

„Das Land ist für alle Aborigines heilig, der Ursprung aller Lebensformen und das Herzland allen Seins. In den wiederkehrenden Zyklen von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt … ernährt, kleidet und behütet Mutter Erde alle Lebewesen … Das Land, das waren nicht nur Hügel oder Bäche oder Bäume … Es war wirklich, unser Kuuti, die Kraft, die uns Leben gibt … Durch ihre Auffassung von der heiligen Erde als Schöpferin und Nährmutter aller Arten und von der Verflechtung aller lebendigen Formen, haben die Aborigines eine besondere Beziehung zu ihrer Region … Deshalb bringen die Aborigines traditionell nicht nur der ganzen Erde Ehrfurcht entgegen, sondern auch dem jeweiligen Land, in dem man „geträumt“, d.h. aus dem Ahnengeist empfangen wurde -, meist an einem heiligen Wasserloch, an dem die Geister auf die Wiedergeburt warten“. (Voigt Anna, Drury, Nevill; 1998, S 59).

Ein paar Seiten später konkretisieren die AutorInnen die Liebe der Aborigines zur Natur:

„Aborigines lieben die Erde im wahrsten Sinn des Wortes, wir sitzen oder liegen am Boden mit dem Empfinden, einer mütterlichen Kraft nahe zu sein … Es ist gut für die Haut, die Erde zu berühren, mit bloßen Füßen auf der heiligen Erde zu wandern … Der Boden ist besänftigend, stärkend, reinigend und heilend. … Nur durch unsere spirituelle Verbindung zur Erde können wir unsere Identität bewahren. Deshalb begreifen wir uns selbst in Kategorien des Landes“. (ebenda S. 66).

Dann kommen die AutorInnen auf die Pilgerreisen der Aborigines zu ihren heiligen Stätten zu sprechen, die im Englischen „Walkabouts“ genannt werden.
„Die Aborigines unternahmen seit jeher Pilgerreisen an ihre heiligen Stätten, um Zeremonien abzuhalten … Die Aborigines waren nie ziellose Wanderer, noch sind sie Nomaden im eigentlichen Sinn. Ihre Pilgerreisen waren oft beschwerliche Märsche über hunderte Kilometer und nicht „ziellos“, sondern folgten immer vorgegebenen Pfaden durch das Land. Diese Pfade sind die ursprünglichen Traumpfade oder Songlines, die von den Ahnenwesen aufgezeichnet und von den Aborigines – soweit möglich – über tausende Jahre nachverfolgt wurden. Die Pilgerreisen oder „Walkabouts“ spiegeln die ewigen Bewegungen von Sonne, Mond und Sterne“. (ebenda, S. 769.

Die AutorInnen beschreiben in ihrem Buch aber auch die Zerstörung großer Teile dieses Wissens:

„Das in die Traumzeit-Mythologie integrierte Wissen wurde über unzählige Generationen mündlich weitergegeben – in Form von Liedern, Tänzen … sakralen Gegenständen. Erst in der kurzen Zeit der letzten 200 Jahre wurde diese lebendige Mythologie durch die Ignoranz und die brutalen Praktiken der englischen Kolonialisten und Viehzüchter, durch die politisch sanktionierten multinationalen Gesellschaften und das Aussterben der Ältesten, die noch auf traditionelle Weise aufwuchsen, bruchstückhaft“. (ebenda, S. 72).

In Europa ist diese Zerstörung des Alten Wissens, die mit der Inquisition im Mittelalter ihren Höhepunkt fand, noch viel größer und trotzdem ist das Wissen über die uralte Sakrallandschaft in ganz ähnlicher Form, in vielen Puzzlesteinen vorhanden und kann auch bei uns wieder sichtbar gemacht werden. Wichtig ist dieses Sichtbarmachen, denn gefangen in diesem westlich-christlichen Denken, leben wir ohne unsere Wurzeln, ohne den längsten Teil unserer Geschichte. Schließlich drang das Christentum in weite Teile Europas erst zwischen dem 6. und dem 8. Jahrhundert n.u.Z. vor. Die Zeit des patriarchalen Monotheismus ist also menschengeschichtlich gesehen nur ein Atemzug, und so stellt sich die Frage, gerade auch für Europa: Was war davor? Und tatsächlich kennen wir auch in Europa die Landschaft als Körper der mütterlichen Gottheit.

Die Landschaft als Körper von Gott der MUTTER
Bis heute beschreiben wir unsere Landschaft mit körperlichen Begriffen. Wir sprechen von Bergrücken, Bergfuß, Bergkopf oder von Flussarm und Meerbusen. Gleichzeitig hat sich bis heute das Verständnis von Mutter Erde, von Mutterboden erhalten. Wenn die Erde aber weltweit eine Mutter ist, dann muss es sich bei den landschaftlich-körperlichen Begriffsbeschreibungen um die Beschreibung des mütterlichen Körpers handeln, der ursprünglich als heilig empfunden wurde. Wann und wie entwickelten sich also die Anfänge von Religion? Was wurde ursprünglich als heiliger Ort wahrgenommen? Paul Devreux schreibt hierzu:

„Die ersten heiligen Orte waren Orte in der Natur. Es war die Erde selbst, die diese ursprünglichen Plätze darbot, an denen sich die Empfindung von Heiligkeit verdichtete. Welches Monument, welche Kultstätte auch immer sich an einem solchen Ort später entwickelt haben mag – alle Gesellschaften wählten zunächst spezifische Naturplätze als ihre besonderen Orte“. (S. 44).

Die Menschen sahen aber nicht nur in der Erde die Mutter, sondern sie gingen von einem gesamtmütterlichen Kosmos aus, weswegen wir von Gott der MUTTER als Kosmischer Mutter des Universums sprechen können. Als heilig verehrt wird sie in ihren Erdbauchhöhlen, ihren Bergen, ihren Quellen, ihren Flüssen, ihren Teichen, ihren alten Bäumen, ihren Steinen, ihren Felsen und dem Meer. Sie ist aber auch die Mutter der Menschen, die Mutter der Tiere, die Mutter der Heilung und der Regeneration, und besonders tröstlich und wichtig die Mutter des Guten Todes, die Tod-in-Leben-Wandlerin. Diese Wandlung, die die Menschen in drei Hauptlebenszyklen erfahren, bezieht den gesamten Kosmos mit ein:

• Die tägliche Wiedergeburt der Sonne
• Die monatliche Wiedergeburt von Frau Mond
• Die jährliche Wiedergeburt der Jahreszeiten
(aus Armbruster, Kirsten: Gott die MUTTER – Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus, 2013, S.32/33)

Auch bei uns sind die ewigen Bewegungen von Frau Sonne, Frau Mond und den Sternen in den Wallfahrten und Pilgerreisen miteinbezogen und gerade auf dem Muschelweg, der am Meer am westlichsten Ende Europas endet, wird eigentlich und vor allem dieser kosmische Zusammenhang verehrt.

 

Galgenberge als Heilige Mutterberge

 

pyrenaeen1.jpgGalgenberge als heilige Mutterberge, Foto Franz Armbruster: Galicien, Nordspanien

Die Silbe Gal in Galgenberg gehört zur, seit dem Paläolithikum bekannten Mutterwurzelsilbe Kall und steht in engem Zusammenhang zum Wiedergeburtsglauben von Gott der MUTTER.

In der Natur ist das Liegenlassen der Toten an dem Ort des Versterbens üblich, woraufhin im Kreislauf der Natur sogenannte Aasfresser, wie zum Beispiel Geier, Rabenvögel oder auch Kormorane am Anfang des Umwandlungsprozesses zu neuem Leben stehen. Der bewusste Umgang mit dem Tod ist Bestandteil des menschlichen Bewusstseins. Das können wir daran erkennen, dass die Menschen im Gegensatz zu Tieren sehr früh anfingen ihre Toten bewusst abzulegen. Neben dem Ablegen von Toten in Höhlen, wie wir es in Atapuerca am Camino Francés bei Burgos am Muschelweg sehr früh finden, wird auch das Ablegen auf Bergen sich sehr früh etabliert haben, so dass die sogenannten Seelenvögel ihre Arbeit verrichten konnten. Diese Tiere galten ursprünglich als heilig, Verbunden ist damit auch die Vorstellung, dass die Vögel die Seelen der Menschen mit hinauf in den Himmel nahmen, damit sie als Sterne am Himmel leuchteten, bis sie von der Mutter wiedergeboren wurden, was im Muschelweg als Sternenweg und in dem Namen Compostela bis heute tradiert wird (campus stellae=Sternenfeld und compost für den organischen Lebensumwandlungsprozess des Kompostierens)

Die bisher älteste Tempelanlage der Menschen in Göbekli Tepe, in der Türkei war auch ein solcher Hügel als Totenablageort, eine Kultstätte, die den „Bauch der Urmutter“ symbolisiert. Diese Hügel und Berge standen nämlich nicht nur für den Tod, sondern im Verständnis des Kreislauf des Lebens für die Wiedergeburt, weshalb der Hügel in Göbekli Tepe ja auch „Hügel mit Nabel“ übersetzt wird. Bis heute ist Göbekli Tepe mit seinem Maulbeerbaum in den Mutterfarben weiß, rot, schwarz ein heiliger, inzwischen islamisierter Wallfahrtsort. Galgenberge sind also von ihrer Wortbedeutung heilige Mutterberge, Berge der heiligen Tod-in-Lebenwandlung durch Gott die MUTTER.

Text aus: Kirsten Armbruster: „Der Jacobsweg – Kriegspfad eines Maurentöters oder Muschelweg durch Mutterland; Die Wiederentdeckung der Wurzeln Europas, Teil 1, 2013, S. 84/85

Der Jacobsweg – Kriegspfad eines Maurentöters oder Muschelweg durch Mutterland? Die Wiederentdeckung der Wurzeln Europas – Teil 1

Inhaltsverzeichnis:

Der Jacobsweg ein Kriegspfad?
Jacob der Maurentöter und der Sternenwegmythos zum Ende der Welt 7

Die Muschel
Die Muschel als Grabbeigabe – Die Muschel als Symbol für das Tor zur Welt – Das Geheimnis der Schlupfsteine – Die Muschel als Bauchmutter des Meeres

Der Ursprung von Wallfahrten
Wallfahrtswege als Erbe der Altsteinzeit – Die ursprüngliche Bedeutung von Anna-Orten – Die Mutterwurzelsilbe KALL – Die Wurzeln der Worte Galgen und Mann

Die Wurzeln Europas
Atapuerca oder 1,3 Millionen alte Menschenspuren am Muschelweg – Die frankokantabrischen Höhlen als UNESCO-Weltkulturerbe – Die Basken und warum drei Viertel unserer Gene von ihnen abstammen

Höhlen als Kathedralen der Steinzeit
Sakralkunst – Die kopflosen Frauen als kulturelle Ikonen Europas – Die Mutter der Tiere – Die Vulva als Tor zu neuem Leben – Der Ursprung von Sprache und Religion in der Evolution des Menschen – Kannibalismus als AhnInnenkult – Von Pech-Marie und Gold-Marie – Das TAU – ursprüngliches Symbol von Gott der MUTTER – Die Brunnen-zeichnung in der Grotte de Lascaux und Parallelen zur ägyptischen Mythologie