Herstory

kirsten-armbruster-vortrag1.jpgDr. Kirsten Armbruster ist Naturwissenschaftlerin und gehört mit zahlreichen Veröffentlichungen zu den führenden Köpfen der Patriarchatskritikforschung. Sie wurde 1956 in Dortmund geboren, wuchs in Kairo auf, machte ihr Abitur in Fürstenfeldbruck, studierte Agrarwissenschaften an der Universität Göttingen und promovierte in Physiologischer Chemie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Sie ist verheiratet, hat gemeinsam mit ihrem Mann vier, inzwischen erwachsene Kinder und lebt in Bayern.

Aus dem Vorwort von: Armbruster, Kirsten:  Gott die MUTTER – Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus (2013, S. 7-9):

„Das Christentum wurzelt, wie alle drei monotheistischen Religionen in einer Hirtennomadenideologie. Da das Hirtentum die Domestikation von Tieren voraussetzt, die Menschen aber den größten Teil der Menschheitsgeschichte als Wildbeuter lebten, können diese Hirtenreligionen nicht am Anfang von Religion stehen.

Die monotheistische Hirtenideologie geht einher mit dem Verständnis des Vaters als Gott dem HERRN. Der Vater wird also theologisch verknüpft mit Herrschaft, und Herrschaft ist historisch verknüpft mit Krieg. Krieg ist gebunden an Waffen, die erst langsam mit der Metallgewinnung in der Bronzezeit entwickelt wurden und sich endgültig erst in der Eisenzeit durchsetzten. Auch hier zeigt sich, dass Gott der HERR nicht am Anfang von Schöpfung stehen kann, sondern eine späte Erfindung in der Menschheitsgeschichte ist.

Europa wird gerade auch von Politikern gerne unterstellt christliche Wurzeln zu haben. Auch das entspricht nicht den historischen Tatsachen, denn das Christentum erreichte große Teile Europas erst zwischen dem 6. und dem 8. Jahrhundert n.u.Z.. Das Christentum ist keine organisch gewachsene Religion in der fruchtbaren Landschaft Europas, denn es wurzelt in den trockenen Steppenlandschaften der Hirtennomaden, welche die rohfaserverwertenden Wiederkäuer domestizierten, um in einer solchen Vegetation überleben zu können. Allerdings ging von Europa die imperialistische christliche Missionierung der Welt aus und das ist kein rühmliches Kapitel für Europa, sondern ein beschämendes.

Die Idee von Gott dem HERRN war und ist in Wahrheit eine bis heute nützliche Theologie zur Indoktrinierung und Zementierung patriarchaler Herrschaftsmacht, also eine politische Theologie. Eines der Hauptanliegen dieser politischen Theologie war es, Gott die MUTTER abzuschaffen, sie durch Gott den HERRN zu ersetzen und die Mutter gleichzeitig zur Magd des HERRN zu degradieren. Dass es einst Gott die MUTTER auch in unserem Kulturkreis gegeben hat, steht historisch außer Frage. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an die griechische Gaia. Gott die MUTTER, war allerdings nie die HERRIN. Das bedeutet aber auch, dass ihr ein völlig anderes Verständnis von Göttlichkeit zugrunde liegt. Tatsächlich können wir Gott die MUTTER schon in den Höhlen und in den roten Ockerbestattungen in embryonaler Hockstellung des Paläolithikums finden, und hier liegen die eigentlichen Wurzeln von Religion und auch die Wurzeln Europas. In diesem Zusammenhang bedeutsam ist auch eine weitere Tatsache: Genauso wenig, wie es das Bild von Gott der MUTTER als HERRIN jemals gegeben hat, genauso wenig hat es jemals ein Matriarchat gegeben, eine Herrschaft von Müttern in Umkehrung des Patriarchats. Und auch darin sind sich alle HistorikerInnen inzwischen einig.

Dass diese Zusammenhänge in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind und auch nicht in den Schulen gelehrt werden, zeigt, dass unsere Gesellschaft, die scheinbar so gut informiert ist, einer patriarchalen Gehirnwäsche unterzogen wurde, die erst langsam zu bröckeln beginnt. Dieses Buch soll dazu beitragen, die patriarchalen Zementierungen ins Wanken zu bringen, um wieder einer friedlicheren Gesellschaft den Boden zu ebnen. Einer friedlicheren Gesellschaft zwischen den Geschlechtern, einer friedlicheren Gesellschaft zwischen den Menschen, die heute, getuned durch aggressive Mono-Ideologien der Intoleranz, sich gegenseitig bekriegen. Die Idee eines Monotheismus, der die Frau mit Unreinheit belegt, sie der Herrschaft des Mannes unterstellt hat und außerdem die Grundlage ist für die Doktrin: Nur mein Gott ist der einzig wahre Gott, dieser Monotheismus ist, völlig gleich, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Ausprägung, eine wesentliche Ursache des patriarchalen Kriegszeitalters. Monotheismus und Krieg sind nicht zwingend menschlicher Natur, sondern sie sind die Folge einer falschen Entwicklung von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Vaterschaft und Mutterschaft und einem damit verbundenen Gottesbild. Jutta Voss bemerkt dazu: „Solange das Blut der Frau und mit ihm die Frau verteufelt und parallel das Blut des Mannes, sei es am Kreuz oder in unzähligen Kriegen verherrlicht wird, solange wird es keine Heilung geben“ (Voss, Jutta, 2006, S. 124). Hören wir also auf, die Frau zu verteufeln und den Mann zu verherrlichen. Ein Schritt hierzu ist es, hinter die potemkinschen Fassaden des Patriarchats zu schauen, unsere Geschichte zu vervollständigen, zu schauen, wie es zu dieser, in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen desaströsen Verteufelung der Frau, bei gleichzeitiger Verherrlichung des Mannes kam. Nur so können wir den Raum schaffen, ein zukunftsfähiges, differenziertes und diversifiziertes Menschenbild zu entwickeln und auf dieser Basis auch die religiöse Zukunftsfrage stellen: Was sollte den Menschen heilig sein? Der Kosmos, der heute unter dem Diktat des Patriarchats steht, könnte dadurch aufatmen.“


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4 Gedanken zu „Herstory

  1. Liebe Kirsten
    es ist wundervoll –es ist fantastisch !!
    scheib mehr, ich erwarte jedes Buch mit Spannung
    und bin begeistert !!!!!!
    Mit Trompeten und Posaunen sollte solch eine Botschaft über das Lang getönt werden
    um die so tief vergrabene Geschichte in unser höheres Bewustsein zu locken.
    Die Zeit ist reif dafür das wir uns erinnern!!!
    Du bist uns eine sehr große Hilf
    Herzlichen Dank aus Tübingen

  2. Kirsten Armbruster, kann ich mich auch per newsletter bei Dir anmelden? das wäre super, um immer Deine großartigen Texte lesen zu können!

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