Sehen, was ist

Essay von Dr. Kirsten Armbruster, Patriarchatskritikerin, Naturwissenschaftlerin, Autorin, Bloggerin, Mutter

Madonna an der Schwarzen Laber

Madonna an der Schwarzen Laber

Bild: Madonna an der Schwarzen Laaber; Foto: Franz Armbruster

„Sehen, was ist“ ist die selbsterklärte Basis des selbsternannten  „Sturmgeschützes der Demokratie“, des SPIEGEL. Beide Formulierungen stammen von Rudolf Augstein, dem Gründervater des SPIEGEL und beide Formulierungen beschreiben in der Tat, was ist.

Tatsache ist: Der SPIEGEL sieht schon lange nicht mehr, was ist.

Der Grund: Die Basis des SPIEGEL stimmt nicht.

Hätte der SPIEGEL das kluge, 2018 erschienene  Buch der Althistorikerin Mary Beard „Frauen und Macht“ gelesen, so wüsste er, der SPIEGEL – der Vertreter des Liberalismus und der Toleranz, dass eben diese griechische Demokratie auf der Basis eines in der Antike schriftlich fixierten Patriarchatskonglomerats steht, eines Patriarchatskonglomerats aus Politik, Theologie, Ökonomie, patriarchatskonformer Wissenschaft und eben einer diesem Patriarchatskonglomerat dienenden Presse. Beard schreibt:

„Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten“,  (Beard, Mary: „Frauen und Macht“, 2018, S. 10).

Die Althistorikerin und Professorin an der Universität Cambridge zeigt dies an zahlreichen Beispielen auf und belegt, dass

„just in dem Moment, da die schriftlichen Zeugnisse der abendländischen Kultur einsetzen, die Stimmen von Frauen in der Öffentlichkeit kein Gehör finden“. (ebenda).

Am Beispiel der Odyssee von Homer, wo der Sohn Telemachos seiner Mutter Penelope das Wort verbietet, weil die Rede Sache der Männer sei und er die Macht im Hause inne habe, entlarvt Beard, dass es für einen Mann wie Homer ein integraler Bestandteil des Erwachsenwerdens ist, dass er lernt, die Kontrolle über öffentliche Äußerungen zu übernehmen und den weiblichen Teil der menschlichen Spezies zum Schweigen zu bringen. (Beard, Mary: 2018, S. 14).

Und die Bibel, welche auch heute noch nach aktueller Vorgabe der Politik, die angebliche Wurzel der europäischen Kultur bildet, gründet sich auch im Neuen Testament auf dem Schweigen der Frau. Im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus lesen wir:

„Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, sollen Frauen in den Gemeinden schweigen, denn es wird ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in der Gemeinde zu reden“. (Elberfelder Bibel, Neues Testament: 1. Korinther 14, 34-35).

Die Basis des jüdisch-christlich-islamischen Denkens und der griechischen Demokratie, welche die Frauen von der Öffentlichkeit ausschloss, ist also das Schweigen der Frauen im öffentlichen Raum.

Wenn der SPIEGEL also „Das Sturmgeschütz der Demokratie“ ist, so bedeutet das nur eins, nämlich das Sturmgeschütz des Patriarchats zu sein. Die für „heilig“ und damit unantastbar erklärte Liberalität ist in erster Linie ein Liberalsein gegenüber dem Patriarchat. Und die geforderte Toleranz als Grundlage der Liberalität ist nichts anderes als ein Pochen auf ein Erdulden von schriftfixierten Männernormen, welche den Vater als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlich internalisiert und damit den Blick von der Natur abgewendet haben.

Doch die Zeit der Toleranz – die Zeit des schweigenden erduldenden Lammes ist vorbei. Das Lamm ist nicht das Produkt eines Gott Vaters, nein es ist geboren aus dem realen Leib der Mutter. Und es schreit wieder das Lamm, wenn es von einem widernatürlichen Gesellschaftssystem zur Schlachtbank geführt werden soll. Warum – weil die Mutter aus der Patriarchatshypnose erwacht ist. Weil die Mutter sich wieder einmischt im öffentlichen Raum.

Denn die Natur hat evolutionsbiologisch auf die Mutter gesetzt, nicht auf den Vater.

Die Mutter ist das Zentrum des Menschseins und die Natur ist die Basis des Menschseins.

Die Probleme unserer Welt, angefangen von dem exponentiellen Bevölkerungswachstum, über das Artensterben, die Massentierhaltung, die Agrochemie, die Naturzerstörung, welche sich auch u.a. im Klimawandel äußert,  können wir nur lösen, wenn wir diese Doppelbasis des Lebens wieder erkennen und benennen.

Mutterleugnung ist Naturleugnung. Mütterhass ist Naturhass. Und Mütterausbeutung und Naturausbeutung sind die zwei Seiten derselben Medaille.

Wenn wir unsere schöne Welt wirklich retten wollen, jenseits von ein bisschen Ökoaktivismus, müssen wir wieder „sehen, was ist“, „benennen, was ist“ und „schreiben, was ist“. Die Forschungsergebnisse der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung haben dazu bereits eine gute, vom Patriarchat befreiende Basis,  gelegt.

Der SPIEGEL mit seinem Anspruch der intellektuellen Führung muss endlich anfangen hinter die Kulissen des manipulativen Scheins zu schauen. Die Realität des Lebens ist nämlich eine andere und die jetzige Krise der schreibenden Zunft beinhaltet die Chance eines Neuanfangs:

Keine Chance mehr dem Patriarchat und einen klaren Blick auf die Gehirnwäsche des Patriarchats, weit jenseits von ein bisschen Feminismusschminke!

 

 

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