Matrifokalität heute

Urmutter von Willendorf 3Was bedeutet ein Wiedererwachen des matrifokalen Bewusstseins heute in der Praxis?

Auch wenn wir unter patriarchalen Lebensbedingungen leben, so können wir doch versuchen einige matrifokale Grundsätze in unserem Leben zu verwirklichen und uns von patriarchalen Ideologien befreien.

Matrifokalität in der Praxis:
• Ein erster matrifokaler Lösungsansatz ist es, der fixen Idee des Märchenprinzen (oder der Märchenprinzessin), welche(r) die Große Liebe des Lebens sein soll, nicht hinterher zu jagen, da sie nicht mit der Realität übereinstimmt, sondern zu den patriarchalen Romantikkonditionierungen gehört. Sinnvoll ist es, Erotik und Sexualität, egal ob gleichgeschlechtlich oder heterogeschlechtlich, unbefrachtet von Existenzsorgen zu genießen und Freundschaften auf der Basis gemeinschaftlicher Interessen zu schließen.

Bei einem Kinderwunsch der Frauen gibt es entweder die Möglichkeit der anonymen Väter, das heißt, frau entschließt sich von vorneherein ein Kind ohne Bekanntwerden des leiblichen Vaters, möglichst einge-bettet in einen Clan zu versorgen. Als zweite Mög-lichkeit, bei dem Wunsch der Einbeziehung des Va-ters, empfiehlt es sich, den Verstand einzuschalten und den Schwerpunkt bei der Vatersuche nicht auf sexuelle Kurzanziehung zu legen, sondern auf Charakterstärke, Zuverlässigkeit, langfristiges Verantwortungsbewusstsein und Fürsorglichkeit: also Vätertauglichkeit. Besonders sinnvoll ist es, bei der Überprüfung der Vätertauglichkeit die Mutter des auszusuchenden Vaters anzuschauen, da Mütter na-turgemäß immer einen prägenden Einfluss auf ihre Söhne hatten

Für Männer, die einen Kinderwunsch hegen, empfiehlt es sich, nicht auf Alleinversorger zu setzen, sondern sich zusätzlich zu einer Berufsausbildung ein hohes Maß an Humankompetenz, Fürsorgebewusstsein, Naturbewusstsein, ökologischem Wissen und Haushaltswissen inclusive Putzkompetenz anzueignen, um vätertauglich zu sein. Vätertauglichkeit der Zukunft ist also nicht mehr länger mit Herrschaftsmacht korreliert, sondern mit Human- und Naturanbindungskompetenz.

• Sinnvoll ist es insgesamt, einen Kinderwunsch nicht von einem vorhandenen Vater und einer Paarung-familie abhängig zu machen, sondern auf einer Clannetzstruktur von Großmüttern, Tanten und Schwestern aufzubauen, die durch blutsverwandte und nicht blutsverwandte Männer und Frauen, und auch g-eignete fürsorgliche Väter, sowie öffentliche Betreuungsangebote ergänzt werden kann. Ein solches Clannetz gewährleistet die für die außergewöhnlich lange Fürsorge eines Menschen notwendige Stabilität. Frauen, die keinen der heute noch sehr rar gesäten vätertauglichen Partner gefunden haben, werden damit auch nicht mehr als „alleinerziehend“, im Sinne eines Mangels herabgesetzt, sondern erleben als matrifokal Erziehende eine deutliche gesellschaftli-che Aufwertung und Absicherung.

• Grundsätzlich ist gut abzuwägen, ob es angesichts der Überbevölkerung der Erde durch die Menschenart sinnvoll ist, selbst Mutter oder Vater zu werden, oder ob es nicht sinnvoll ist, sich bei der Fürsorgearbeit anderer zu beteiligen, sei es bei der Versorgung von Kindern, sei es bei der Versorgung von der alten Generation, oder sei es in anderen lebensnaturerhal-tenden Bereichen.

• Eine gute Berufsausbildung ist für Frauen überlebensnotwendig, gepaart mit ökonomischem, aber auch ökologisch-kritischem Verständnis, denn eine weitgehende ökonomische Autarkie von Frauen ist in matrifokalen Verhältnissen unerlässlich. Sinnvoll ist, eine monetäre Erwerbsarbeit mit Subsistenzwirtschaft zumindest auf Gartenebene zu ergänzen, wobei gerade auch eine gärtnerische Gemein-schaftsnutzung, wie es in der Transitiontownbewe-gung oder beim Guerillagärtnern praktiziert wird, sinnvoll sein kann.

• Für Matrifokalität ist es durchaus wichtig, die Einseitigkeit der wirtschaftlichen und politischen Führung durch geschlossene Männerräume durch das Anstreben von weiblichen Führungspositionen aufzureißen, nicht um dem patriarchalen System zu dienen, sondern um das patriarchale, kinderfreie System zu unterwandern und dort lebensfreundliche Impulse zu setzen. Anzustreben ist, dass durch eine kritische Masse an naturbewussten Menschen, die wirtschafts- und gesamtpolitischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt verändert werden.

In den theologischen Bereich sollte keinerlei matrifokale Energie mehr fließen. Zu erkennen gilt, dass sämtliche heutige Welttheologien, einschließlich Buddhismus und Hinduismus tief patriarchal-zerstörerisch wirken und auch eine unkritische Hinwendung zu Esoterik oder Neuheidentum keineswegs sinnvoll ist, da sich auch diese Strukturen überwiegend im patriarchal-kriegerischen Kontext bewegen. Sinnvoll ist es, der Natur mit Achtung und Respekt und mit einem Bewusstsein von Heiligkeit zu begegnen. Religion kann als Anbindung an die Natur verstanden werden, die man sich als mütterlich vorstellen kann, wobei Gott durchaus auch männlich gedacht werden kann, da der Mann ja Teil der Natur ist. Die bisher entwickelten männlichen Gottesbilder erweisen sich aber, wenn man verstanden hat, dass sie alle dem Herrschaftsstreben entsprungen sind, als ziemlich untauglich, so dass es Sinn macht, sie neu, innerhalb der Natürlichen Mütterlichen Ordnung integriert, zu denken.

• Bezüglich der Ernährung ist es sinnvoll, sie überwiegend vegetarisch oder vegan auszurichten, da dies nicht nur physiologisch natürlich ist, sondern aus heutigen dringend gebotenen Naturrestaurierungs-gründen dringend geboten ist. Bei einer Nahrungser-gänzung durch tierische Lebewesen, wie es durch die Jäger im Paläolithikum üblich war, ist auf einen sorg-samen und ehrfurchtsvollen dankbaren Umgang mit den Tieren zu achten. Die Massentierhaltung der heutigen Landwirtschaft ist als tierquälerisch absolut abzulehnen.

• Da viele Lebensräume von Tieren und Pflanzen durch den räuberischen Umgang der Menschenart heute vom Aussterben bedroht sind, ist es sinnvoll, sich politisch bei lebensbewussten Nichtregierungsorganisationen oder auch anderweitig politisch zu engagieren. Wichtig ist es aber auch sich mit Permakulturideen auseinanderzusetzen und den eigenen Garten, das eigene Dorf, die eigene Stadt in ein Biotop der biologischen Vielfalt umzuwandeln, in dem auch Nahrungspflanzen im Sinne der Subsistenzwirtschaft für den menschlichen Verzehr angebaut werden, aber vor allem darauf zu achten ist, dass eine Vielzahl von verschiedenen Lebensräumen geschaffen wird, um Rückzugs-, Aufzucht-, und Nahrungsangebote für an-dere Lebewesen zu schaffen. Ein Garten in unseren Breiten sollte ein Platz für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Ameisen, Schwebfliegen, Libellen, zahlreiche andere Insekten, Vögel, Kröten, Frösche, Ringelnattern, Eidechsen, Igel, Fledermäuse oder Blindschleichen sein, um nur einige Gartenbe-wohnerInnen zu nennen, während die Anzahl von Katzen und Hunden oder exotischen Tieren in Haus-halten wohl eher als gesättigt bezeichnet werden kann.

Das Schulsystem gehört aus matrifokaler Sicht stark hinterfragt, da viele der Lerninhalte patriarchale Prägung weitertragen. Die theologischen Angebote gehören aus dem Schulbereich völlig entfernt, der Geschichtsunterricht, der die matrifokale Geschichte außer Acht lässt und die patriarchale heroisiert, stark korrigiert, ebenso aber die Werteweitergabe durch philosophische, psychologische, literarische Texte patriarchal entrümpelt. Insgesamt ist der Leistungsdruck durch die Konkurrenzanheizung deutlich zurückzudrehen und stattdessen wesentlich mehr auf Kooperation zu setzen. Fürsorgearbeit und Na-turkunde müssen neue schulische Hauptfächer wer-den.

Fazit: Die patriarchale Zivilisation wird nicht überlebensfähig sein, aber die offensichtliche Krise des patriarchalen Systems eröffnet neue Denkräume. Das Denken und Leben in matrifokalen Lebenszusammenhängen ist hierbei ein vielversprechender Ansatz, da er in uraltem Wissen wurzelt und bewiesen hat, dass er über den größten Teil der Menschheitsgeschichte als artgerecht und andere Arten erhaltend, funktioniert hat.

Text aus: Armbruster. Kirsten, Matrifokalität – Mütter im Zentrum – Ein Plädoyer für die Natur – Weckruf für Zukunft, 2014, S. 62-67

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